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Zeitkritiker Krieg und Terror War on Terror Ganz legal töten? Was die Geschichte uns lehrt
Ganz legal töten? Was die Geschichte uns lehrt Drucken E-Mail
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Geschrieben von: Jakobus Dorloff   
Sonntag, 10. Januar 2010 um 00:52 Uhr
tiger_force_soldier Ganz legal töten? - unter dieser Schlagzeile der Focus Ausgabe Nr. 52/2009, der letzten vor Weihnachten, wird auf den Seiten 16 bis 19 "durchleuchtet", wie es zu dem ISAF-Luftschlag am 4. September 2009 in Afghanistan, angeordnet vom Kunduz-Kommandanten der Bundeswehr Georg Klein, kommen konnte und wie in Zukunft mit derartigen Vorfällen umgegangen werden wird. Allerdings wurde das "?" im Focus Titel weg gelassen. Ich halte es aber für überaus angebracht, diese Aussage wirklich zu hinterfragen!

Weiter zitiert der Focus den Bericht von Oberst Klein, den dieser einen Tag nach dem Vorfall verfasst hat:

"[...] Am 4. September um 1:51 Uhr entschloss ich mich, zwei am Abend des 3. September entführte Tanklastwagen sowie an den Fahrzeugen befindliche Aufständische durch den Einsatz von Luftstreitkräften zu vernichten [...]"

Im Anschluss fragt der Focus nun, ob dies als Fehlentscheidung zu bewerten sei oder als Routine im Kriegsalltag in Afghanistan - auch für deutsche Soldaten - angesehen werden müsse. Laut dem Verteidigungsministerium sei die Aktion vollkommen gerechtfertigt gewesen und zivile Opfer würden im Rahmen der Verhältnismäßigkeit in Kauf genommen.

Offensichtlich ist die Bundeswehr seit Mitte 2009 in ihren operativen Einsätzen einen Schritt weiter gegangen  und seit der Tragödie in Kunduz  wird das nun auch langsam in der deutschen Öffentlichkeit durch die Unterstützung unserer "Kriegspresse" publik gemacht.

Beim weiteren Lesen das Artikels wird dies mehr als deutlich:

"[...] Zivilisten dürfen grundsätzlich nicht militärisch angegriffen werden, verlieren aber diesen Schutze, 'sofern und solange sie unmittelbar an den Feindseligkeiten teilnehmen'.
Das hat weit reichende Folgen: Nach dieser Lesart durfte Oberst Klein das Bombardement [...] anordnen, auch wenn dort möglicherweise Zivilpersonen [...] anwesend waren. [...]"

Eine solche Diskussion durch ebensolche Artikel zu entfachen, ob es nicht doch legitim ist, Zivilisten unter besonderen Umständen zu bombadieren, halte ich für äußerst gefährlich. Die Handlungsspielräume für die ausführenden Personen zu erweitern, führte zu einer Vergrößerung der Grauzone zwischen Krieg und Kriegsverbrechen und hätte letztendlich zur Folge, dass der ganze Militärapperat weniger kontrollierbar würde. Somit hielten Willkür und Chaos den Einzug, was im Endeffekt zu einer Zunahme von "umstrittenen Befehlen" führen würde.

Um zu verdeutlichen, was gemeint ist, sollten wir vielleicht einmal in der Kriegsgeschichte zurückschauen, um zu realisieren, welche Auswirkungen eine derartige Vorgehensweise haben kann.

David R. Irvine, ein Anwalt aus Salt Lake City, der 18 Jahre lang als Experte für Kriegsrecht in der US Army tätig war, geht in einem Artikel vom 8. Juli 2006, der in "The Salt Lake Tribune" veröffentlicht wurde, auf die Zusammenhänge von Kriegsgräultaten und der Führungsart von Kommandaten ein:

"[...] Die aktuellen Schlagzeilen aus dem Irak sind hässlich: Marines werden angeklagt Zivilisten in Haditha ermordet zu haben. Ein verkrüppelter Mann wurde von Amerikanern umgebracht, die dann eine Schaufel und ein Gewehr in der Nähe des Toten plazierten, als ob dieser Bomben am Straßenrand vergraben wollte. Und eine besonders grausame Anklage lautet: US Soldaten hätten eine Frau vergewaltigt und getötet, ihre Familie umgebracht und die Leichen anschließend verbrannt, um das Verbrechen zu vertuschen.

Würden diese Verbrechen sorgfältig untersucht, würde sich wahrscheinlich herausstellen, dass die Defizite in der Führung durch die Kommandaten und in der Disziplin (der Soldaten) zu finden sind. [...]" (David R. Irvine, U.S. reaps what the Army sows, frei übersetzt)

Anschließend geht Irvine auf einen unglaublichen Fall von Kriegsverbrechen ein, der sich im Zeitraum von Mai bis November 1967 in Vietnam zugetragen hat: Die amerikanische Spezialtruppe Tiger Force, die man als Counterguerilla bezeichnen kann, agierte in diesem Zeitraum völlig außerhalb jeglicher moralischer Grundsätze und ermordete eine große Anzahl wehrloser Zivlisten.

tigerrecon

Nachdem die Soldaten der Tiger Force am 15. Mai 1967 bei einem Gefecht, das die Soldaten selbst das "Mother's Day Massacre" nannten, hohe Verluste zu beklagen hatten, musste die Einheit aufgestockt werden. Die Neulinge hatten überwiegend keine Kampferfahrung und waren noch halbe Kinder. Auch musste ein neuer Kommandant, Leutnant James Hawkins, die Führung übernehmen, welcher später bei der Verübung von Kriegsverbrechen noch eine wichtige Rolle spielen sollte.

Zu diesem Zeitpunkt jedenfalls, war die Verfassung der Truppe sehr schlecht und es machte sich Perspektivlosigkeit breit, die eine demoralisierende Wirkung auf die Tiger Force Soldaten gehabt haben sollte. Vom ersten Einsatz der neu zusammengestellten Einheit an begann nun ein Abstieg, der in den grausamsten bekannten amerikanischen Kriegsverbrechen aus dem Vietnamkrieg mündete.

Hier ein paar Eindrücke davon, was sich zu jener Zeit zugetragen hat:

"[...] 'Eine Wache [...] entdeckte zwei Personen, die sich vor uns dem Dorf näherten. Als ich dort ankam, traf auch Hawkins ein und erteilte den Wachen den Befehl das Feuer zu eröffnen. Ich widerrief Hawkins Anordnung und machte darauf aufmerksam, dass die beiden Personen direkt auf uns zukommen. Hawkins überging meinen Einspruch und eröffnete selbst das Feuer und dann schossen auch die Wachen. Bei den beiden Personen hat es sich um alte Frauen gehandelt. Eine wurde verletzt und daraufhin wurden beide evakuiert.' [...]" (eidesstattliche Zeugenaussage von Donald Wood am 22. Januar 1974, frei überstezt)

Auch machte die Tiger Force nur selten Kriegsgefangene. Folgendes spielte sich ab, als zwei Soldaten der Einheit, Ybarra und Green, einen Soldaten der Nordvietnamesischen Armee in einer Hütte stellten:

"[...] Ybarra befahl dem Mann die Hände zu heben und als der Gefangene dem Befehl folge schlug er ihn mit seinem Gewehr zu Boden. Dann schleifte ihn Green nach draußen und fing an, den Gefangenen zu treten. Schnell stürzten sich beide auf ihn und schlugen ihn mit ihren Fäusten. Als er dann bewegungslos auf dem Boden lag, stand Ybarra auf und griff nach seinem Messer.
Sofort erhob sich auch Green und trat einen Schritt zurück.
Bevor sein Freud etwas sagen konnte, beugte sich Ybarra über den Mann , riss seinen Kopf nach hinten und schlitzte ihm die Kehle auf. [...]" (Tiger Force, Michael Sallah und Mitch Weiss)

In einer weiteren Situation nahmen die Soldaten zwei vietnamesische Dorfbewohner fest. Einen etwa 25 Jahre alten blinden Mann und einen 12-jährigen Jungen, der den älteren führte. Nachdem die Tiger Force Soldaten, unter ihnen Manuel Sanchez, die beiden eindeutig als Zivilisten identifiziert hatten, forderten sie einen Hubschrauber zur Abholung an. Daraufhin erhielten sie folgende Antwort:

"[...] 'Was machst du mit einem Pferd, das sich ein Bein gebrochen hat?' [...]" (eidesstattliche Zeugenaussage von Manuel Sanchez am 28 Januar 1974, frei übersetzt)

Kurz darauf wurde der Blinde erschossen und der Junge kam nur durch den persönlichen Einsatz von Seargant Sanchez mit dem Leben davon.

Hier wird deutlich, dass es sich bei den Kriegsverbrechen nicht um Einzeltaten handelte, sondern dass die militärische Führung wahrscheinlich recht gut über die Gräueltaten informiert war und dieses Verhalten zusätzlich förderte. Vorfälle dieser Art häuften sich in der Folgezeit und eskalierten immer heftiger. In einer sogenannten "free-fire zone", einer Zone, die als evakuiert galt, nachdem alle Einwohner umgesiedelt wurden (im Prinzip war aber bekannt, dass sich dort noch Zivilisten versteckten), ereignete sich folgendes:

"[...] 'Wir wurden nicht aus dem Dorf beschossen und erschossen dann unsererseits die Leute in dem Feld, etwas 10 Personen, die Hälfte Männer, die Hälfte Frauen. Wir sind danach nicht in das Feld gegangen, um nachzusehen, ob sie bewaffnet waren.' [...]" (eidesstattliche Zeugenaussage von Forrest Miller vom 18. Januar 1974, frei übersetzt)

"[...] 'Wir wussten, dass die Bauern nicht bewaffnet waren, aber wir töteten Sie trotzdem, weil Hawkins es anordnete. [...] Das ganze Tiger Force Platoon (war dabei)' [...]" (eidesstattliche Zeugenaussage von William Carpenter vom 18. Januar 1973, frei übersetzt)

Natürlich waren die Vietnamesen nur Bauern. Michael Sallah und Mitch Weiss interviewten für eine Artikelserie im Tolado Blade (einen deutsche Übersetung der Artikelserie findet sich im Spiegel) und für ihr Buch Tiger Force später bei ihren Recherchen in Vietnam einen Angehörigen, der sich zum damaligen Zeitpunkt versteckt hielt und das Massaker als Augenzeuge miterlebt hatte. Kurz darauf zog die Tiger Force aus dem Gebiet ab und es wurde dort, um die Reisfelder nachhaltig unbrauchbar zu machen, Agent Orange gesprüht.


Die Truppe wurde in ein anderes Gebiet verlegt, wo das Töten von Zivilisten dann langsam zur Routine wurde:

"[...] Frage: 'Wie wurden die Kinder getötet?'
Miller: 'Sie waren in Bunkern und wir haben Handgranaten hinein geworfen.'
Frage: 'War das die normale Vorgehensweise für die Tiger Force, Kinder, die in den Dörfern gefunden wurden zu töten?'
Miller: 'In anderen Gebieten nicht. Wie auch immer, in diesem Gebiet, einer free-fire zone, ja.' [...]"
(eidesstattliche Zeugenaussage von Forrest Miller vom 18. Januar 1974, frei übersetzt)

In vielen Dörfern, die von der Tiger Force durchkämmt wurden, gab es für die Anwohner ausgehobene Schutzbunker, in die sich die Zivilisten, zumeist die Frauen und Kinder zurückzogen, sobald Gefahr drohte. Die Soldaten der Einheit haben diese Situationen dann standardmäßig mit Handgranaten geklärt. Wie viel unterirdische Massengräber sie damit geschaffen haben, wird man wohl nie herausfinden. Sie haben nie Waffen gefunden und die Bunker selten überhaupt durchsucht.

"[...] 'Wir gingen 25 - 30 Meter weiter und errichteten unser Nachtlager. Ich kann mich erinnern, dass wir die ganze Nacht Menschen (wimmern und jammern) hörten. Die Geräusche kamen von den Bunkern.' [...]" (eidesstattliche Zeugenaussage von Charles Fulton vom 24. Juni 1974, frei übersetzt)

An das Hauptquatier wurde dann häufig irgendeine Zahl an getöteten feindlichen Soldaten als Erfolgsmeldung gefunkt, der sogenannte body-count. Im Endeffekt müssen aber alle Bescheid gewusst haben.

Damals war es für die Tiger Force weiterhin Standard, ohne Fragen zu stellen, sofort das Feuer zu eröffnen, wenn sie in ein Dorf kamen. Bei diesen Aktionen haben die Soldaten dann normalerweiser die Magazine ihrer M 16 un M 79 alle komplett leer geschossen, bis von den Hütten nur noch Kleinholz übrig war. Einige Soldaten berichteten später, die Leichen der Erwachsenen haben häufig schützend über den Körpern der getöteten Kinder und Babys gelegen. Nach einem solchen Angriff ereignete sich ein weiteres unglaubliches Verbrechen.

"[...] Ich war etwa 15 Meter von den Hütten entfernt, als Kerrigan auf mich zukam. Er sah ein wenig verwirrt aus, im Vorbeigehen sagte er mir dann, dass Ybarra dem Baby einfach den Kopf abgetrennt habe. [...] Das war keine große Sache für mich. In dieser Situation starben täglich Menschen.[...] Sam (Ybarra) war ein kaltblütiger Mensch und zu so etwas im Stande. [...]" (eidesstattliche Zeugenaussage von Harold Fischer vom 30. November 1972, frei übersetzt)

Was Ybarra haben wollte, war die Halskette des Kindes gewesen, dass zuvor die Gewehrsalven der Amerikaner auf wundersame Weise überlebt hatte.

Die Liste der Gräueltaten ist noch länger, aber nur auf eine soll noch eingegangen werden: Nach den Schilderungen von Soldaten der Tiger Force gab es einen Befehl, innerhalb eines bestimmten Zeitraums einen "body-count" von 327 zu erzielen, also 327 feindliche Soldaten zu töten, in Anlehnung an die Bezeichnung der Truppe (327th Infantery). Der Befehl kam aus dem Hauptquartier von Gerald Morse, alias "Ghost Rider". Die Tigers haben dem Befehl Folge geleistet, doch es waren nie Waffen bei den getöteten Personen gefunden worden.

Erst im Jahr 1971 wurden dann effektiv in der Sache vom CID (Criminal Investigation Division), also des militärinternen "FBI" ermittelt. Der zuständige Staatsbeamte Gustav Apsey nahm seine Aufgabe sehr ernst (auch die meisten Zeugenaussagen hier waren erst durch seine Intitiative möglich) und führte die Ermittlug über 3 Jahre lang, bis er im Jahr 1975 endlich soweit war, Anklage wegen Kriegsverbrechen gegen die entsprechenden  Soldaten der Tiger Force zu erheben. Soweit ist es aber nie gekommen. Stattdessen hat Apsey vom Militär seine Versetzung nach Südkorea bekommen und das gesamte Beweismaterial verschwand in den Archiven der US Army.

Aber wieso wurden die Anklagen verhindert, obwohl Apsey zu mehreren Taten die Augenzeugenberichte und eidesstattlichen Aussagen verschiedener Soldaten, welche die Taten teils selbst begangen haben und geständig waren, vorzuliegen hatte? Auch die Öffentlichkeit erfuhr in den 70ern auf diese Weise nichts von den Vorfällen.

"[...] 1974 bis 75 war Richard ('Dick') Cheney ein spezieller Berater von Präsident Ford. Fords Stabschef war Donald Rumsfeld. Der Verteidigungsminister von 1973 bis 75 war James Schlesinger. Der Fall wurde von diesen Männern, die unter den Präsidenten Nixon und Ford dienten, weitestgehend vertuscht - möglichst aus dem Blickfeld der Politik. Es wurde keinem der Soldaten oder Beamten der Prozess gemacht, welche das standardmäßige Töten von Zivilisten anordneten oder durchführten. [...]" (David R. Irvine, U.S. reaps what the Army sows, frei übersetzt)

Der einzige Grund, warum wir heute von diesen Vorfällen wissen, ist ein gewissenhafter Beamter das CID, der die Unteruchung disziplinarisch leitete. Er war der Vorgesetzte von Gustav Apsey und nahm bei seiner Pensionierung ein paar Kartons mit den wichtigsten Akten, darunter auch der Tiger-Force-Fall, mit nach Hause. Er ließ diese den Reportern vom Tolado Blade 2002 kurz vor seinem Tod zukommen, sodass diese den ganzen Fall in einer unvergleichlichen inverstigativen journalistischen Arbeit wieder aufrollen konnten und 2004 dafür den Pulitzer Preis erhielten. Und was haben Rumsfeld und Cheney heute zu den Vertuschungen zu sagen?

"[...] 30 Jahre später verweigerte Mr. Rumsfeld die Diskussion über den Tiger-Force-Fall. Mr. Cheney lehnt es ebenfalls ab, irgendetwas darüber zu sagen. Mr. Schlesinger führt eine der 'Schein-'Untersuchungen über Abu Ghraib durch(!!) [...]" (David R. Irvine, U.S. reaps what the Army sows, frei übersetzt)

Kurzum, es wird wohl niemanden verwundern, dass dieses Trio Infernale die Vertuschung nicht zugeben möchte, so wie jede andere Verbrecherbande mit einem Durchschnitts-IQ von über 90 alles tun würde, um ihre Taten zu verbergen.

Die Army aber war eine gewisse Zeit nach Erscheinen der Artikelserie von Sallah und Weiss dazu bereit, die Ermittlungen in diesem Fall wieder aufzunehmen. Allerdings bis heute ohne Ergebnis, obwohl sich auch prominente Politiker, wie z.B. Dennis Kucinich für die Untersuchung eingestezt haben.

"Ich hoffe, dass die Army die Verbrechen heute ernst nimmt, die 1967 von Personen in Uniform begangen wurden, sowie auch das Versäumnis, jemals einen dieser Fälle bestraft zu haben." (Aus einem Brief von Dennis Kucinich ans Pentagon, frei übersetzt)

Das Pentagon reagiert nur selten und knapp auf Anfragen über den Status der Ermittlungen. In der Antwort auf eine Anfrage behauptete die zuständige Ermittlerin, sie sei mit den Fällen von Gefangenenmissbrauch im Irak zu sehr beschäftigt, als dass sie sich um den Tiger Force Fall kümmern könne.

Aber nicht genug, dass durch die Vertuschungstaktik und die Ignoranz des Pentagon den Opfern der Tiger Force wahrscheinlich nie wenigstens etwas Gerechtigkeit wiederfährt. Nein, die U.S. Army hat sich dazu entschlossen die Legende Tiger Force für die heutigen Konflikte wieder zurück auf die militärische Bühne zu holen:

"[...] Das U.S. Millitär hat kürzlich eine Einheit aus der Vietnam-Ära, zur Unterstützung bei der Sicherung irakischer Öl Pipelines reaktiviert. Die Army plant Scharfschützen aus der Luft einzusetzen, welche an den Pipelines des Landes in amerikanischen Black Hawk Hubschraubern patroullieren sollen, um die Saboteure zu besiegen. Unter dem Namen 'Tiger Force' bekannt, wurde diese Einheit letztmalig in den 60er und 70er Jahren in Vietnam eingesetzt und wurde nun aber wieder ins Leben gerufen, weil die Amerikaner nach anderen Möglichkeit für die Sicherung der Pipelines suchen. [...]" (World Markets Analysis, 13. Oktober 2003, frei übersetzt)

Tiger_Force_Iraq

Es ist offensichtlich, dass die Vertuschungen von Rumsfeld, Cheney & Co höchst erfolgreich waren, denn es wurde nichts aus der Vergangenheit gelernt. Sogar die Tiger Force Soldaten selbst, die in Vietnam nach dem Zeitraum (Mai bis November 1967), in dem die Kriegsverbrechen verübt wurden, in der Spezialeinheit eingesetzt wurden, sind sich der Taten ihrer Kollegen nicht bewusst. So schreibt ein Soldat namens TJ McGinley im Tiger Force Forum, auf einen Beitrag von Mickey Allums, der im besagten Zeitraum in der Tiger Force war, folgendes:

"[...] (Ich) kam im Juni '68 zu den Tigers. Ich habe grade das Buch Tiger Force gelesen und kann nicht glauben, was darin steht. Diese Dummköpfe beschreiben die Tiger Force wie einen Haufen außer Kontrolle geratener Mörder, die alles töten, was sich bewegt, Männer, Frauen, Kinder und Babys und dann die Leichen verstümmelten." (Tiger Force Forum, 8. Oktober 2008, frei übersetzt)

McGinley möchte nun, 40 Jahre nachdem er mit der Tiger Force durch den vietnamensichen Dschungel gezogen ist, wissen, ob diese Gräueltaten wirklich passiert sind oder nicht. Allums hat leider nie eine Antwort gegeben. Dafür hat sich aber Rion "Doc" Causey, ein Sanitäter und Augenzeuge der Kriegsverbrechen, zu Wort gemeldet. Causey hat schon zu den CID Emittlungen in den 70ern wichtige Informationen in eidesstattlichen Aussagen zu Potokoll gegeben, die bei der Aufdeckung des gesamten Falls von größter Wichtigkeit waren. So berichtete er, dass er selbst allein in einem Monat 120 tote Zivilisten auf dem Tiger Force Konto gezählt hat und dabei muss berücksichtigt werden, dass die Tiger Force immer zeitgleich in mehreren Teams vorgegangen ist. Um McGinleys Frage zu beantworten schildert "Doc" Causey folgendes:

"Tiger Force Oktober / November '67, Chu Lai (Operation Wheeler)

Spät am Nachmittag erreichten wir ein Gebiet mit Hütten und fanden dort einen Vietnamesen, geschätzte 30 Jahre alt. Der Übersetzer fragte ihn, was er hier mache. Er erzählte dem Übersetzer, dass er hier aufgewachsen sei und einfach nur habe zurückkommen wollen. Er zeigte uns Dokumente, um zu beweisen, dass er die ARVN (Armee der Republik Vietnam) verlassen hatte. Er hatte seine Entlassungspapiere dabei. Capt. McGaha fragte beim Hauptquartier nach, was zu tun sei. Das war eine free-fire-zone und niemandem war es gestattet, sich dort aufzuhalten. Ich habe die Antwort des Bataillon nie gehört. Wir behielten ihn über Nacht bei uns. Am nächsten Morgen fragten ihn einige unserer Leute, mit Hilfe des Übersetzers, wie es ist, in der ARVN zu sein. Das nächste woran ich mich erinnere, ist, dass Sam Ybarra sich hinter den Man stellte und ein Messer an seine Kehle hielt. Sam behielt einen Arm hinter dem Rücken. Der Vietnames versuchte sich gegen Sam zu wehren, aber sofort schlitzte Sam ihm mit einem Hieb die Kehle auf. Sam wollte ausprobieren, ob er es fertig bringt, einen Mann zu töten, während er eine Hand hinter dem Rücken hat. Jeder im Platoon konnte sehen, was passierte.

Später an diesem Tag trafen wir auf zwei weitere Vietnamesen. McGaha und der Übersetzer zogen dem jüngeren das Hemd aus und fanden Abdrücke (auf seinen Schultern), die zeigten, dass er einen Rucksack getragen hat. Die nächsten 10 oder 15 Minuten prügelten die beiden den Mann zu Tode,weil sie ihn zum sprechen bringen wollten. Sie haben es nicht geschafft. Die andere Person, die wir festgenommen hatten, war etwa 60, 70 Jahre alt. Weil es schon recht spät am Nachmittag war, beschlossen wir, ihn über Nacht bei uns zu behalten. [...] Am nächsten Morgen kam jemand [...] und nahm ihn mit. Etwa 5 Mintuen später hörte ich den Schuss, der ihn tötete. Nur ein weiterer Tag in Chu Lai.

Du solltest Dir sicher sein, dass du wirklich wissen willst, was passiert ist, bevor du fragst.

Doc Causey"

Was bleibt dazu weiter zu sagen? Die Vertuschung von Kriegsverbrechen funktioniert. Die Bemühungen von Menschen wie Gustav Apsey, Michael Sallah und Mitch Weiss setzen Zeichen, aber müssen von mehr Menschen gehört werden. Der Bürger sollte sich dafür intressieren, was wirklich im Krieg passieren kann und wie hoch der Verlust an Menschenleben und Menschenwürde ist, wenn sich eine Nation dazu entschließt, Krieg zu führen. Die Propagandamaschinerie, die für die Regierung nötig ist, um den Einsatz weiter laufen zu lassen, zielt auf die Entmenschlichung des Feindes ab. Wird jemand als Aufständischer oder Terrorist bezeichnet, wird es allgemein akzeptiert und als Recht empfunden, wenn dieser getötet wird. Aber wie viele dieser Kriegstoten sind wirklich unsere Feinde und wie viele sind unsere Opfer?

Wenn einmal ernsthaft die menschliche Seite eines Konflikts wie in Afghanistan betrachtet würde, wie viele Bürger unseres Landes würden diesen noch unterstützen? In den aktuellen Kriegsnachrichten werden weiter Massaker berichtet und die Vertuschung dieser. Eine Spezialeinheit in Afghanstan hat zehn Menschen, neun davon Kinder, zunächst gefesselt und dann erschossen.

Fünf Blackwater-Söldner wurden kürzlich von einem amerikanischen Gericht in allen Anklagepunkten frei gesprochen. Sie hatten 17 irakische Zivilisten auf offener Straße am helligten Tag mit Maschienengewehr-Salven in Bagdad getötet.

Deutschland hat nach dem Bombardement der Tanklaster im September 2009 nun auch Blut an den Händen und es wird noch weiter gehen. "Soldaten werden dazu ausgebildet, andere zu töten oder zumindest Leute so zu bedrohen, dass diese annehmen es sei möglich, dass sie getötet werden, wenn sie nicht das tun, was man von ihnen erwartet" sagte der Militärexperte Wolfgang Ischinger kürzlich und dass wir Deutschen uns wieder daran gewöhnen müssten.

Whistleblower wie Rion Causey, Menschen die ihr Gewissen wieder entdecken, geben uns heute die Möglichkeit, ein wenig Wahrheit zwischen all den Kriegslügen zu finden. Wir müssen diese Wahrheiten nehmen und verstehen. Wir leben heute in einer Gesellschaft, die den Krieg nicht kennen gelernt hat, die immer isoliert von den militärischen Schauplätzen war. Für uns ist der Krieg etwas Virtuelles. Die Wahrheit ist aber, dass unser Krieg in Afghanistan absolut real ist und wir alle diesen unterstützen. Wir bezahlen mit unseren Steuern die Kriegsmaschienerie, durch die dort hauptsächlich Zivilisten getötet werden. Wir machen diesen Krieg möglich, ob wir ihn passiv oder aktiv unterstützen, ob wir wollen oder nicht, spielt am Ende keine Rolle, jedenfalls nicht für die Opfer.

Wenn sich etwas ändern soll, müssen wir aktiv werden und bei jeder Gelegenheit auf die Unmenschlichkeit dieses Einsatzes hinweisen. Wir müssen mit unserem sozialen Umfeld ins Gespräch darüber kommen, denn dies muss ein Thema in unserer Gesellschaft werden. Sonst könnte es passieren, dass uns unsere Kinder und Enkel irgenwann ein Buch zu lesen geben, in dem die Gräueltaten unserer Generation aufgedeckt werden, die wir nicht im Stande waren, zu verhindern.


Hier ein Video einer Buchbesprechung mit Michael Sallah und Mitch Weiss, in dem Sie in paar Fragen zu Ihrem Buch Tiger Force beantworten:

 


In der Dokumentation "Enemy Image" wird gut beschrieben, wie sich ein Feindbild erschaffen lässt und wie dies in der Kriegspropaganda unserer jüngeren Geschichte umgesetzt wurde:


In dieser Dokumentation wird der Soldat befragt, der die Einheit, die das Massaker von Haditha begangen hat geleitet hat. schaut euch den zweiten Teil der Playlist ab Minute 4 an. Dort wird der Soldat gefragt, wie er einfach eine Tür einer Wohngebäudes eintreten kann um eine Granate hinein zu werfen. Seine Antwort: "In einer solchen Situation kannst du nicht zögern eine Entscheidung zu treffen. Zögern bedeutet Tod, der eigene oder der eines anderen Soldaten."

 

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