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Zeitkritiker Krieg und Terror War on Terror Es sterben mehr US-Soldaten und Kriegsveteranen an Selbstmord als im Krieg und wie das Pentagon das Problem zu lösen versucht
Es sterben mehr US-Soldaten und Kriegsveteranen an Selbstmord als im Krieg und wie das Pentagon das Problem zu lösen versucht Drucken E-Mail
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Geschrieben von: Wolfgang Jung, Luftpost Kaiserslautern   
Samstag, 09. Januar 2010 um 16:16 Uhr
101st_airborne_division_iraq_01Sogar das Pentagon ist besorgt über die wachsende Anzahl von Selbstmorden bei aktiven Soldaten und Kriegsveteranen und versucht sie mit fragwürdigen Methoden zu verringern.

Selbstmorde und Morde zwingen das Pentagon dazu, sich mit dem geistigen Zustand seiner Soldaten zu befassen

Von Megan McCloskey
STARS AND STRIPES, 31.12.09


Die vielen Selbstmorde und Morde im Jahr 2009 haben das (US-)Militär gezwungen, sich eingehend mit der psychischen Verfassung der Soldaten zu befassen, die seit Jahren in den langen Kriegen im Irak und in Afghanistan kämpfen.

Im Mai hat John Russell, ein verwirrter Sergeant (Unteroffizier) der Army, in einer Klinik in Bagdad, in der Soldaten behandelt werden, die unter Kampfstress stehen, fünf Kameraden erschossen; er war dort als Patient und hat anderen wiederholt erzählt, dass er an Selbstmord denke. Die Untersuchung der Vorgeschichte der Schießerei offenbarte weit verbreitete Versäumnisse im Umgang mit gefährdeten Soldaten.

Nach einem Jahr mit einem neuen Rekord an Selbstmorden hat die Army im Januar 2009 angeordnet, dass alle Untergliederungen stärker auf Selbstmordgefährdete achten müssen, und unter Führung von General Pete Chiarelli, dem stellvertretenden Generalstabschef der Army, eine Spezialeinheit zur Vermeidung von Selbstmorden geschaffen. Im Mai 2009 wurde in Fort Campbell, Kentucky, eigens eine dreitägige Beratung abgehalten, nachdem auf dieser Basis zwischen Januar und März fast jede Woche ein Soldat Selbstmord begangen hatte und durch zwei weitere Selbstmorde im Mai die Gesamtzahl der Selbstmörder auf 11 angestiegen war; diese Einrichtung hatte (im letzten Jahr) die höchste Selbstmordrate in der Army zu verzeichnen. Aus der Tatsache, dass die Selbstmorde im zweiten Halbjahr zurückgegangen sind, schloss Chiarelli, dass die Army im Umgang mit diesem komplizierten Problem Fortschritte macht.

Die Fortschritte reichen aber nicht aus. Bereits im November 2009 hatte die Army mit 147 Selbstmorden den Rekord aus dem Vorjahr gebrochen, der bei insgesamt 140 Selbstmorden lag. Auch beim Marine Corps (bei der Marineinfanterie) stieg die Anzahl der Selbstmorde im Vergleich zum Jahr 2008 um 20 Prozent.

Dabei fanden im Jahr 2009 die bisher ausgeprägtesten Anstrengungen des Pentagons statt, das Schweigen über psychische Probleme zu durchbrechen und den Betroffenen Hilfe anzubieten. Mit der Kampagne "Real Warriors"
(Echte Kämpfer) sollten Soldaten dazu gebracht werden,  über ihre psychischen Probleme - wie Post Traumatic Stress Disorder / PTSD (Posttraumatische Belastungsstörung) – zu sprechen.

In einer bei höheren Offizieren seltenen Offenheit gab General Carter Ham, der Kommandeur der U.S. Army Europe / USAREUR Anfang 2009 zu, dass er selbst schon Probleme mit Kampfstress hatte. 2004 war der Humvee (Nachfolger des Jeeps) des Generals in Mosul (im Irak) in eine am Straßenrand angelegte Sprengfalle geraten, wobei sein MG-Schütze schwer verletzt wurde, und kurz vor dem Ende seines Irak-Einsatzes wurden bei einem Selbstmordattentat in einem Speiseraum seines Befehlsbereichs 22 Menschen getötet.

Das im Jahr 2009 im Zusammenhang mit psychischen Problemen am häufigsten gebrauchte Wort war "Widerstandsfähigkeit"; darunter versteht die Army die Wiedergewinnung der psychischen Stabilität durch ein spezielles Training. Mit dem Programm "Comprehensive Soldier Fitness" (Komplette Fitness des Soldaten) versucht die Army ihren Soldaten in der Grundausbildung und auf allen Karrierestufen neben körperlicher Fitness auch zu mentaler und emotionaler Stabilität zu verhelfen.

Die Streitkräfte haben eine ganze Reihe neuer Programme zur Behandlung psychischer Probleme getestet, darunter eine Therapie, in der das Gedächtnis des PTSDPatienten mit der virtuellen Realität des Ereignisses konfrontiert wird, welches sein Trauma verursacht hat, und eine Therapie, die mit Videos von realen Vorkommnissen über das Internet arbeitet.

 




Durch Selbstmord sterben mehr US-Soldaten
als im Afghanistan-Krieg

Von James Cogan
WORLD SOCIALIST WEBSITE, 06.01.10

Während sich sich die Kriege in Afghanistan und im Irak in die Länge ziehen, nehmen sich US-Soldaten auch weiterhin in beispielloser Anzahl das Leben. (Von Januar) bis Ende November 2009 haben mindestens 334 Angehörige der Streitkräfte Selbstmord begangen; im gleichen Zeitraum fielen im Afghanistan-Krieg 319 und im Irak-Krieg 150 Soldaten. Obwohl die endgültige Zahl noch nicht verfügbar ist, war die Zahl der Selbstmorde beim Militär im letzten Jahr die höchste seit Beginn der Registrierung im Jahr 1980.

Die Army (das Heer), ihre Nationalgarde und die Reserve der Army verloren mindestens 211 Personen durch Selbstmord. Mehr als die Hälfte davon hatte entweder im Irak oder in Afghanistan gedient. Die Selbstmordrate in der Army ist mit 20,2 pro 100.000 Soldaten höher als die sonst bei Männern im Alter von 19 bis 29 errechnete und die höchste bei allen nach dem Geschlecht getrennten Bevölkerungsgruppen. Vor 2001 hatte die Army nur etwa 10 Selbstmorde pro 100.000 Soldaten zu beklagen.

Die Navy (die Marine) verlor 2009 mindestens 47 aktiv Dienende, die Air Force (die Luftwaffe) 34 und das Marine Corps (das Korps der Marineinfanterie), das in die blutigsten Kämpfe im Irak und Afghanistan verwickelt war, 42 Soldaten durch Selbstmord. Die Selbstmordrate bei der Marineinfanterie ist seit 2001 von 12 auf 19,5 pro 100.000 Soldaten angestiegen.

Die Zahl der Angehörigen der Streitkräfte, die wegen eines Selbstmordversuches ins Krankenhaus kamen, war fünfmal höher als die Zahl der durch Selbstmord Gestorbenen. Nach Angaben der NAVY TIMES haben bei einer von den US-Streitkräften selbst durchgeführten Befragung von 28.536 Angehörigen aller Teilstreitkräfte bei der Army 2 Prozent, bei der Marineinfanterie 2,3 Prozent und bei der Navy 3 Prozent der Befragten angegeben, dass sie schon einmal einen Selbstmordversuch unternommen haben. Die "Defense Survey of Health-Related Behaviors" (die Umfrage des Verteidigungsministeriums zum gesundheitsbezogenen Verhalten) fand auch ein "gefährliches Ausmaß" des Alkohol-Missbrauchs und des illegalen Gebrauches von Rauschgiften und starken Schmerzmitteln bei 12 Prozent aller Angehörigen der Streitkräfte.


Die Anlässe für Selbstmordversuche sind von Fall zu Fall sehr unterschiedlich: Es können Beziehungs- oder Finanzprobleme, Drogen-Missbrauch, Konflikte mit anderen Mitgliedern der Einheit oder traumatische Erlebnisse sein. Klar ist jedoch, dass der Militärdienst schwerwiegende Auswirkungen auf die physische und psychische Verfassung der Opfer hat.

Die Selbstmorde bei aktiven Soldaten sind nur ein Indiz. Die alarmierendsten Zahlen sind die über die psychischen Erkrankungen unter den Hunderttausenden Veteranen der beiden Kriege, die das Militär verlassen haben und sich um eine Reintegration in das Zivilleben bemühen.

Es gibt zwar keine genauen Zahlen, aber Studien schätzen, dass zwischen 20 und 30 Prozent der Veteranen an Symptomen von Post Traumatic Stress Disorder / PTSD (einer Posttraumatischen Belastungsstörung) leiden, die es ihnen erschweren, einen Job anzunehmen, Beziehungen aufrechtzuerhalten, ihre Drogenabhängigkeit zu überwinden oder ihnen den Willen zum Weiterleben nehmen. Die sich verschlechternden Wirtschaftsbedingungen für die arbeitende Bevölkerung in den USA vergrößern ihre Schwierigkeiten.

Eine 2009 durchgeführte Umfrage ergab, dass mindestens 15 Prozent der ehemaligen Soldaten in der Altersgruppe der 20- bis 24-Jährigen arbeitslos waren. In einem Artikel auf der Website FLORIDA TODAY (Florida heute) vom 3. Januar war zu lesen, dass 450 der 800 Obdachlosen im Brevard County Veteranen des Afghanistan- oder Irak-Krieges waren.

Hilfsunterkünfte in Kalifornien melden im Vergleich mit dem Jahr 2007 doppelt so viele Bitten um Hilfe von erst kürzlich aus dem Krieg zurückgekehrten Veteranen. Bei der gegenwärtigen Nachfrage wird wahrscheinlich die bisherige Rekordzahl von mehr als 100.000 obdachlosen Vietnam-Veteranen übertroffen werden.

Eine Studie über Veteranen mit PTSD, die im August 2009 von der Zeitschrift JOURNAL OF TRAUMATIC STRESS veröffentlicht wurde, ergab, dass 47 Prozent der Befragten vor der Behandlung an Selbstmord gedacht und 3 Prozent einen Selbstmordversuch unternommen  hatten. Das "US Department of Veteran Affairs" / VA (das US-Amt für Veteranen-Angelegenheiten) sah sich veranlasst, seinen Beratungsdienst wesentlich auzuweiten.

Seit es im Juli 2007 reichlich verspätet seine rund um die Uhr an allen Wochentagen besetzte Telefonberatung eingerichtet hat, haben mehr als 185.000 Veteranen oder Familienmitglieder von Veteranen angefragt; es gibt an, durch Beratung mindestens 5.000 Selbstmorde verhindert zu haben. Es beschäftigt jetzt 400 Berater für die Verhinderung von Selbstmorden, und das Pentagon gibt sogar zu, dass noch mehr gebraucht werden.

Ehemalige Soldaten, die entweder im Irak oder in Afghanistan eingesetzt waren, stellen einen wachsenden Anteil der 6.400 Veteranen, die sich nach VA-Schätzungen jährlich das Leben nehmen. Eine 2007 von (dem TV-Sender) CBS in Auftrag gegebene Studie stellte fest, dass die jährliche Selbstmordrate unter männlichen Veteranen im Alter von 20 bis 24 mit 40 Selbstmördern pro 100.000 Veteranen viermal so hoch ist wie der sonstige Durchschnitt.

In diesen Selbstmordzahlen sind die Hunderte von jungen Veteranen nicht enthalten, die jedes Jahr bei Autounfällen sterben, die sie durch übermäßige Geschwindigkeit oder Fahren unter Alkohol- oder Drogeneinfluss verursacht haben  dabei werden natürlich auch andere Menschen getötet oder verletzt. Im Jahr 2008 war die Wahrscheinlichkeit, bei einem Autounfall zu sterben, für Veteranen, die im Irak oder in Afghanistan gedient hatten, um 75 Prozent höher, als bei Nichtgedienten; bei Motorradunfällen war die Wahrscheinlichkeit sogar 148 Prozent höher. In der Selbstmordstatistik sind Todesfälle, die durch eine "versehentliche" Drogen-Überdosis verursacht wurden, noch nicht einmal berücksichtigt.

Die amerikanische Gesellschaft wird auch in den kommenden Jahrzehnten für die Schäden bezahlen müssen, die durch die Kriege im Irak und in Afghanistan bei den Veteranen angerichtet wurden. Unter Medizinern wächst die Übereinstimmung, dass ein auslösender Faktor für PTSD eine physische Schädigung des Gehirns ist. Durch eine verbesserte Panzerung der Fahrzeuge, bessere Schutzwesten und schnellere ärztlichen Behandlung haben Tausende von Soldaten Explosionen überlebt, bei denen sie in früheren Konflikten gestorben wären. Sie haben jedoch bleibende Hirnschäden davongetragen.

Nach Schätzungen der "Defense Centers of Excellence for Psychological Health and Traumatic Brain Injury" (der Zentren des Verteidigungsministeriums zur Behandlung von psychischen Erkrankungen und Hirnschäden), die Anfang 2009 vorgelegt wurden, leiden 45.000 bis 90.000 Veteranen der beiden Kriege an Symptomen "schwerer, bleibender Hirnschäden". Das Verteidigungsministerium geht sogar davon aus, dass insgesamt 20 Prozent aller Veteranen bei Explosionen im Irak oder in Afghanistan irgendwelche Hirnschäden erlitten haben; das ergibt die erschütternde Zahl von 360.000 betroffenen Männern und Frauen.

(Luftpost Kaiserslautern hat beide Artikel komplett übersetzt und mit Anmerkungen in Klammern und Hervorhebungen im Text versehen. Erst eine Verknüpfung beider Berichte macht das ganze Ausmaß der erlittenen Hirnschäden, psychischen Folgeerkrankungen und Selbstmorde bei aktiven Soldaten und Veteranen der US-Streitkräfte deutlich.)

Quelle: Luftpost Kaiserslautern
 

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