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Zeitkritiker Krieg und Terror Terror in Deutschland Bundeswehr tötet afghanische Zivilisten - Die Grauzone zwischen Kriegsführung und Kriegsverbrechen
Bundeswehr tötet afghanische Zivilisten - Die Grauzone zwischen Kriegsführung und Kriegsverbrechen Drucken E-Mail
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Geschrieben von: Jakobus Dorloff   
Donnerstag, 10. September 2009 um 00:00 Uhr

isaf_luftschlag Nachdem ein verheerender Luftschlag in der Region Kundus durch den örtlichen ISAF Komandandeur der Bundeswehr angeordnet wurde, steht der gesamte Bundeswehreinsatz unter Druck.

Der Vorfall ereignete sich in der Nacht vom 3. zum 4. September, um 02:30 Uhr, bei dem zwei Tanklastzüge, die zuvor von Taliban an einem vorgetäuschten Checkpoint, um 01:50 Uhr entführt worden sind, mit zwei lasergesteuerten 500 Pfund Bomben beschossen wurden. Durch den Angriff wurde eine unzählige von Menschen getötet, viele sind bei lebendigem Leib verbrannt und eine noch größere Zahl wurde zum Teil mit schwersten Brandwunden verletzt.

Die erste Frage, wie viele Opfer es gegeben hat und wie viele Zivilisten darunter waren, stellt sich hier leider schon als größeres Problem dar. In ersten Meldungen über den Einsatz teilte die Bundeswehr mit, es seien 56 Kämpfer dabei getötet worden. Später titelt eine Meldung durch die Bundeswehr zum Einsatz: "Erfolgreicher Einsatz gegen Aufständische im Raum Kunduz" und es ist von 50 getöteten Aufständischen die Rede, Zivilisten hätten keinen Schaden erlitten.

In den Medien ist inzwischen aber schon von etwa 90 Toten die Rede und "Nach Angaben eines Sprechers des afghanischen Gesundheitsministeriums hatten sich bis zu 250 Dorfbewohner um die Laster geschart." Mittlerweile ist die Zahl der Opfer auf 125 gestiegen und es wird seitens der NATO von zwei Dutzend Zivilisten daruter ausgegangen.

All diese Angaben scheinen sehr vage. Wenn von 125 Toten ausgegangen wird und darunter "nur" zwei Dutzend Zivilisten waren, müsste es sich um etwa 100 getötete Aufständische handeln. Das ist beim besten Willen sehr unglaubwürdig. Ein Reporter formulierte das in einer Frage in der Pressekonferenz vom 4. September an den Sprecher der Bundesministeriums für Verteidigung, Christian Dienst, sehr treffend:

"Haben Sie eine Erklärung dafür, dass offensichtlich so viele Taliban-Kämpfer involviert waren? Um zwei Tankwagen zu entführen, braucht man ja eigentlich keine 50 Leute."

Darauf konnte Dienst nur ausweichend antworten:

"Letzteres mag offensichtlich sein, aber das wäre, wenn wir das derart auf spekulativer Basis bewerteten, eine Hyperspekulation. Die Faktenlage, wie sie sich uns darstellt, habe ich hier wiedergegeben. Die Erkenntnisse waren, dass es sich um Aufständische gehandelt hat"

Der folgende Seitenhieb des Reporters blieb dann unkommentiert:

"...nachts um 2 Uhr auf einer Sandbank."

Auch wenn bei diesem Thema Satire kaum angebracht ist, kann man diese ironische Nebenbemerkung durchaus nachvollziehen, denn was soll man angesichts einer solchen absichtlichen und offenkundigen Desinformation durch das Verteidigungsministerium sonst noch sagen?

Wie in einem Artikel im Freitag bemerkt wurde, ist allein der Sachverhalt, dass aus diesen beiden Tanklastzügen durch den Beschuss ein flammendes Inferno gemacht wurde, ethisch höchst fragwürdig:

"Ein derartiges Vorgehen fällt unter die vom Kriegs- und Völkerrecht geächtete grausame Kriegführung. Dagegen wurde verstoßen. Genau genommen wurde in der Nacht vom 3. zum 4. September 2009 in Kundus ein Kriegsverbrechen verübt [...]"

In der genannten Pressekonferenz gab es dann außerdem folgende durchaus berechtigte Frage:

"Wie konnten Sie bei der Aufklärung mit Nachtsichtgeräten sicher sein, dass es sich um keine Zivilpersonen handelte? Man muss doch, wenn man die Personen nicht genau erkennt, sagen: Es hat sich dem jetzt gerade feststeckenden Tanklastzug niemand genähert, also gehen wir als Einsatzkräfte davon aus, dass es sich nur um die sogenannten gegnerischen Kräfte handeln kann."

Auch darauf antwortete Dienst mit Ausflüchten und es wurde auf die Professionalität und die unerschöpfliche Kompetenz unserer Truppen gepocht und behauptet, dass schon alles seine Richtigkeit gehabt habe:

"Auch hier bewegen wir uns wieder, das nehmen Sie mir bitte nicht übel, in der Dimension der Bundestrainer, die vor dem Fernseher sitzen, wenn ein Fußballspiel läuft. Die vor Ort eingesetzten Kräfte sind bestens ausgebildet und auch bestens im Bilde darüber, was sie können, was sie dürfen und was sie nicht dürfen. Davon ist mit Sicherheit auszugehen. Wenn vor Ort das „assessment“, wie es in der Fachsprache heißt, also die Bewertung im Vorlauf des Angriffs, so ist, dass es sich um gegnerische Kräfte handelt, dann ist davon auszugehen, dass es auch so ist. Wie gegnerische Kräfte zu identifizieren sind, ist wieder der tiefsten Einsatzerfahrung vor Ort geschuldet. Jedem ist klar, wenn wir immer mit dem Begriff „asymmetrische Gefechtsführung“ umgehen, bei dem jeder die Stirn runzelt und fragt „Was will man uns damit eigentlich sagen?“, dass es eben die ständige Herausforderung für jeden einzelnen Soldaten, auch für den Obergefreiten, ist, zu erkennen, ob der, der für afghanische Verhältnisse zivile Kleidung trägt, wirklich Zivilist ist, ob er der Dorfschullehrer, der Kaufmann des Dorfs oder sogar der Dorfälteste ist, oder ob er eben nicht ein Kämpfer der gegnerischen Kräfte ist. Es wird Indizien gegeben haben nachts um 2 Uhr auf einer Sandbank , die es hergegeben haben, dass diese Truppen als gegnerische Kräfte deklariert worden sind."

Die Antwort des Pressesprechers beinhaltet aber eine wichtigen Punkt: Die Herausforderung einen feindlichen Kämpfer zu identifizieren. Dabei kann von einer wirklich großen Herausforderung gesprochen werden, in der Tat! Abgesehen davon, das es kaum nachvollziehbar erscheint, dass unsere Soldaten in Afghanistan diese Zuordnung in allen Fällen und Einsätzen zuverlässig durchführen können, stellt sich dann noch die Frage, was eigentlich passiert, wenn sich die Taliban garnicht zu erkennen geben wollen, sich also, wenn möglich, unter das gemeine Volk mischen und sich auch genauso kleiden. Da sich in Afghanistan nicht stehende Armeen gegenüberstehen, sondern die Taliban aufgrund ihrer technischen Unterlegenheit eher eine Guerilla-Taktik verfolgen, ist das auch keine große Überraschung. Eine Unterscheidung nach dem äußerlichen Erscheinungsbild ist dann auch für das geschulte Auge kaum mehr möglich. Nehmen wir noch den Umstand hinzu, dass alle Entscheidungen der Bundeswehr von Menschen getroffen werden, die permanent unter Druck stehen, besonders wenn sich die Lage zuspitzt oder Gefahr in Verzug ist, sind schnelle Reaktionen der Entscheidungsträger gefragt. In Gefechts- oder Gefahrensituationen sind Kompromisslösungen vorprogrammiert und führen so auch immer zu einer gewissen Fehlerrate und damit auch zu toten Zivilisten.

In diesem Fall hat eine solche Entscheidung offenkundig fatale Folgen gehabt und die Handlungsweise wird von unserer Regierung in Schutz genommen. Verteidigungsminister Jung beharrt, auch nachdem mittlerweile unzählige namhafte Medien von einer Vielzahl getöteter Zivilisten berichten, darauf dass all diese Angaben nicht bestätigt sind.  Anzumerken ist hier nur noch, dass alles dafür spricht und das weitere Belege für oder gegen  diese Behauptung wohl nicht mehr auftauchen werden. Angesichts der Schwere des Angriffs sind die meisten Todesopfer zur Unkenntlichkeit verstümmelt und alle Leichen wurden nach islamischen Glaubensgrundsätzen sofort bestattet, sodass eine umfangreiche Analyse der Geschehnisse nun unmöglich ist. Das spielt nun der "Es waren alles Taliban"-Theorie in die Hände. Aber wie verhält es sich mit den zahlreichen Verletzten? Das waren wohl alles Zivilisten, denn sonst müsste die Bundeswehr ja weiter im Krankenhaus intervinieren um die Aufständischen endgültig dingfest zu machen. Von derartigen Aktivitäten wurde aber bisher nichts berichtet.

Alles in allem, ist es ein absurdes Theater, ein die Opfer verhöhnendes Schauspiel, das unsere Volksvertreter den Steuerzahlern auftischen, der ja für das deutsche Engagement am Hindukusch aufkommt. Niemand, der sich einmal etwas näher mit dem Thema auseinandergesetzt hat, kann die Argumentation von Jung wirklich ernst nehmen. Nein, das ist ein rein politisches Lamentieren, um den Begriff Kriegsverbrechen herum, denn dieser Einsatz kann kaum anders bezeichnet werden.

Allerdings muss man Jung in der Hinsicht gewissermaßen zustimmen. Er hat Klein, den ISAF Kommandeur, der die Aktion angefordert hat, in Schutz genommen und behauptet, dieser hätte nichts falsch gemacht. Entfernt man dann noch die political correctness aus seinen Statements könnten diese etwa wie folgt lauten: "Die Aktion der Taliban und die Bedrohungslage haben ein rasches und entschiedenes Handeln erfordert um die passende Anwort seitens unserer Truppen zu geben. Klein hat genau das getan. Wir wollen natürlich nicht, dass Zivilisten dabei zu Schaden kommen, dies kann aber nicht immer ausgeschlossen werden, grade wenn Gefahr in Verzug ist. Wo gehobelt wird fallen auch Späne!"

Natürlich würde ich nie eine solche Stellungnahme von einem politischen Entscheidungsträger erwarten. Nur eins sollte jeder in der Lage sein, durch die gesamt politische Debatte um den Vorfall herauszuhören, indem man den diplomatischen Schleier darum ausblendet:

Jeder Krieg fordert zivile Opfer, unschuldige Kinder, Frauen und Männer, verstümmelt oder getötet oder heimatlos gemacht. In den Krisengebieten gibt es dann niemanden mehr, der keine Angehörigen verloren oder Verluste zu beklagen hat und allein das verursachte fortwährende psychische Leid, das über die Landstriche, die Kulturen und die Gesellschaften gebracht wurde, kann nie mehr hinweggewischt werden, im besten Falls bleiben nur die Narben.

Im zweiten Golfkrieg zum Beispiel wurde im Zuge der Bombardierungen von Bagdad am 13. Februar 1991 ein Luftschutzbunker beschossen, in dem Zivilisten Schutz suchten. Dabei wurden auf einen Schlag 314 unschuldige Menschen getötet, darunter 91 Kinder. Die Operateion wurde seitens der US Army und der politischen amerikanischen Führung schon derzeit als chirurgischer Eingriff beworben.

In der Nacht vom 26. auf den 27. Februar 1991 wurde dann die Straße von Kuwait nach Basra mehrere Stunden intersiv bombardiert. Ziel war es irakische Truppen zu eleminieren, die den Rückzug angetreten hatten. Nachdem die Aktion vom US Militär als Erfolg bezeichnet wurde, berichtete die TIME am 18. März 1991 erstmals unzensiert über das Ereignis und zeigte auch Bilder der Straße, nach den Angriffen. Auf den Bildern war deutlich zu erkennen, dass es sich nicht nur um Militärfahrzeuge handelte, sondern auch um eine Vielzahl ziviler Autos und Busse. Seit dem wird die Straße als "Highway of Death" bezeichnet. Der ehemalige amerikanische Justizminister Ramsey Clark bezeichnete den Vorfall als Kriegsverbrechen, nach Genfer Konvention, Artikel 3, der verbietet sich zurückziehende Soldaten, die nicht mehr an den Kampfhandlungen beteiligt sind, zu attakieren.

Demolished_vehicles_line_Highway_80_on_18_Apr_1991_small

Es handelt sich bei dem ISAF Luftschlag auch nicht um den ersten Vorfall in Afghanistan, bei dem unbeteiligte durch deutsche Waffengewalt ihr Leben verloren. Ende Juli 2009 berichtet Global Research: "Anfang dieser Woche erschossen deutsche Soldaten unter NATO-Befehl im Norden Afghanistans zwei afghanische Bürger und verletzten zwei weitere schwer."

Auf Welt online heißt es am 8. September 2009 nun: "Merkel sieht Bundeswehr noch 2014 in Afghanistan." Bei dieser Zukunftsperspektive bestehen nun gute Aussichten, dass wir in der arabischen Welt mit unserer Millitärpräsenz so viel Hass streuen, dass wir uns am Ende wirklich noch mit einer realen Bedrohung durch aufgebrachte, aufrichtige Bürger von besetzten Gebieten konfrontiert sehen werden. Diesem Wahnsinn sollte schnellstmöglich ein Ende gesetzt werden, um einen noch möglichen Friedensprozess wieder einzuleiten.Während Kanzlerin Merkel es immer wieder herunterbetet, dass Deutschland am Hindukusch verteidigt wird, sagt die Oppisiotion, namentlich Oskar Lafontaine, dass durch diesen Einsatz die Terrorgefahr in Deutschland erhöht würde. Die Diskussion geht leider an der Realität vorbei, denn bisher gibt es keine terroristische Bedrohung in Deutschland, es gab noch keinen Anschlag und die Planungen, die durch BND & Co. in der Vergangenheit aufgeflogen sind, sind durchweg unter Einwirkung von Geheimdiensten aufgekeimt.

Die Diskussion darüber Schuldige für diesen schreklichen Vorfall zu finden und diese zu bestrafen, ist zwar grundsätzlich wünschenswert, wird aber nicht zur Lösung des eigentlichen Problems beitragen, denn wie schon beschrieben wurde, handelt es sich um Begleiterscheinungen des Krieges an sich. Von der Illusion eines schauberen Krieges, eines chirurgischen Eingriffs sollte sich jeder, der biher noch nicht selbst darauf gekommen ist, schnellstens verabschieden. In Afghanistan sind seit Kriegsbeginn schon 50.000 bis 70.000 zivile Opfer angefallen. Es heißt, "Die Armee ist ein Breitschwert, kein Skalpell."

 

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